Karostar - Musikhaus St. Pauli - Büros, Läden und Tonstudios für junge Unternehmen aus der Musikbranche.
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Wir werden immer größer, jedes Jahr ein Stück
Musikgründerzentrum "Karostar" für Hamburger Plattenlabels und neuer Musikladen eröffnen im Februar an der Feldstraße
von Mark Behrendt
"Das Musikbusiness ist ein Schützengraben inmitten des grausamem Stellungskriegs des großen Geldes, in dem die Verschlagenen, die Diebe, die Zuhälter fröhlich herumtollen, während die Ehrlichen vor die Hunde gehen", befand einst der im Februar verstorbene Journalist Hunter S. Thompson. Ehrlicherweise vergaß er nicht zu betonen: "Das Musikbusiness hat allerdings auch seine Schattenseiten." Der Hamburger Musiker Dirk Darmstaedter grüßt mit diesem Zitat auf der Homepage seiner kleinen Schallplattenfirma "Tapete Records". Europaweit auf ungefähr 25 Prozent Marktanteil kommen die unzähligen kleinen Firmen, die sogenannten Indies. Geschätzte 150 davon sitzen in Hamburg. 75 Prozent aller weltweit kommerziell vermarkteten Musik teilen sich verbliebene vier international agierende Schallplattenmultis, BMG-Sony, Emi, Warner Music Group und Universal Music. Deren Übermacht in schrumpfenden Märkten und dem Thompson-Zitat zum Trotz: Darmstaedter sieht die Stimmung unter den "Indies", als "insgesamt positiv". Er freut sich 2006 auf das dritte Soloalbum des ehemaligen Nationalgalerie-Sängers Niels Frevert und auf die schwedische Band The Horror, The Horror. Da aber mit CD-Verkäufen allein kein Überleben mehr möglich ist, kümmert sich seine Firma verstärkt um Tourneen: Darmstaedter geht 2006 mit Lloyd Cole und dem schwedischen Sänger Christian Kjellvander auf Liedermachertour durch 15 Städte.
Darmstaedter: "Es geht in die richtige Richtung. Mein Gemüsehändler kennt uns nun auch schon. Trotzdem verzweifeln auch wir täglich an dem Umstand, daß unser Tun eigentlich unter Ausschluß der Öffentlichkeit passiert. Wann wird endlich neue Musik wieder im tagsüber im Radio zu hören sein?"
"Wenn im Hamburger Radio nichts geht, dann gehen wir ins Kino", hieß es derweil bei Grand Hotel van Cleef: Das junge Label wird geführt von Musikern der Hamburger Gitarrenbands Kettcar und Tomte. 2005 gründeten sie die fiktive Band Hansen im Film "Keine Lieder über Liebe", und das Filmfoto mit Jürgen Vogel als Hansen-Sänger vor dem großen GHvC-Banner ging durch die Gazetten der Republik. Guerilla-Marketing. Derweil verkaufte sich die feine zweite Kettcar-Platte, "Von Spatzen und Tauben, Dächern und Händen" verdientermaßen imposante 60 000 Mal.
Lukrative Festivalengagements im Sommer und eine erfolgreiche Tournee schafften das nötige finanzielle Polster für die Produktion der dritten Kettcar-Platte. Und - darauf ist die Band besonders stolz - Anne Will soll kurz gelächelt haben, als sie einen Beitrag über die Band in den Tagesthemen moderierte. Auch 2006 lächelt: Da erscheint die neue Tomte-CD, "Buchstaben über der Stadt". Dann residiert Grand Hotel van Cleef bereits im Musikgründerzentrum "Karostar" an der Feldstraße. Erdacht unter dem Schock des Weggangs von Universal nach Berlin im Jahre 2002, anschubfinanziert mit Fördermitteln der Stadt und EU-Geldern, sollen hier junge Unternehmen aus allen Bereichen der Musikbranche ein mietgünstiges und netzwerkförderndes Heim finden. Ein in Deutschland einmaliger "Musikladen" wird an gleicher Stelle musikalische Hamburgensien - CD, Musikbücher, Bandmerchandise - anbieten.
"Eine Aufbruchstimmung" spürt auch Stephan Rath von L'age Dor, "die müßte nur noch in wirtschaftlichem Erfolg gipfeln... ." Auch dieser etablierte Hamburger Indie hatte mit Egoexpress' "Hot Wire My Heart" und Wiederveröffentlichungen früher Die-Sterne-Alben ein erfolgreiches Jahr. Das Tocotronic-Album "Pure Vernunft darf niemals siegen" erreichte gar zügig Platz drei der offiziellen deutschen Albumcharts. Ein Album der Band Trashmonkeys lizensierte man nach Japan - und schickte die Band gar auf Tournee in Fernost. Mit finanzieller Unterstützung des neu gegründeten Musikexportbüros German Sound AG. Raths persönliche Hamburg-Lieblingsplatte, Ja König Jas "Ebba", erschien allerdings ein paar Straßenecken weiter, bei den Kollegen von Buback. "Es trifft uns natürlich, daß der Kauf eines Tonträgers nicht mehr besonders attraktiv ist", sagt Bubacks Thorsten Seif. "Trotzdem sehe ich Chancen für identitätsstiftende Musik. Mit CD von den Goldenen Zitronen, Jan Delay und unserer Konzert-Abteilung, die Tourneen für Deichkind, Jan Delay und Frank Popp organisiert, können wir einigermaßen entspannt gen 2006 blicken."
Auch Bernd Skibbe von Skip Records resümiert ein positives 2005: "Endlich wieder die Ärmel aufkrempeln, statt nur zu jammern". Skip-Record-Künstler Omar Sosa wurde für den Grammy nominiert, beim Luka-Bloom-Konzert in der Fabrik vermeldete der CD-Stand viel zu früh "ausverkauft", die US-Jazz-Internetseite All About Jazz kürte Skip Records zu einem der zehn interessantesten Jazzlabels Europas.
Regelrecht überrollt wurde die Kleinstfirma vom weltweiten Interesse nach dem Tode von Albert Mangelsdorff. Der Posaunist und Komponist verstarb vier Wochen, nachdem seine CD "Concert For Jazz Orchestra" fertig war, "ein Schatz, gehoben aus dem NDR-Archiv", eingespielt mit der NDR Bigband. 2006 wagt sich Skip Records auf ungewohntes Terrain, R'n'B, und veröffentlicht nach zweijährigen Vertragsverhandlungen eine CD von Teddy Richards. Den Sproß der Soullegende Aretha Franklin hatten sie auf den Tip eines Journalisten hin bei einem Konzert in einer Hamburger Kirche entdeckt.
Rückenwind verspürt auch der HipHop: Der Hamburger HipHop-Riese Samy Deluxe sucht gleich mit zwei neu gegründeten Plattenfirmen nach neuen Künstlern: die eine komplett Independent, um junge Talente aufzubauen. Die andere unterstützt von der Major-Company EMI, für die kommerzielleren Themen.
Späte Einsicht, möglicherweise, denn ihren langjährigen Bestseller Fettes Brot hatte die EMI bereits 2004 gefeuert. Voreilig, denn die lieferten mit frisch gegründeter Fettes Brot Schallplatten GmbH (Hauptsitz: Barmstedt!) das Comeback des Jahres: Ihr Song "Emanuela" wurde sogar in Österreich zum Goldhit, und kurz vor Jahresende spielte die Band vor 13 000 Fans in der ausverkauften Color Line Arena.
Die Welt,
erschienen am Mit, 4. Januar 2006
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