Karostar Musikhaus Ornament

Karostar - Musikhaus St. Pauli - Büros, Läden und Tonstudios für junge Unternehmen aus der Musikbranche.


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Aus Musikdampfermatrosen werden stolze Kapitäne

Von Stefan Krulle

Vor noch nicht einmal einem Jahr ist er aufgegangen, jetzt leuchtet er schon ziemlich hell über dem Schanzenviertel. Hamburgs Karostar ist genau zu dem geworden, was seine Planer sich erträumt hatten: zum Dreh- und Angelpunkt der lokalen Musik-Szene. Fast drei Dutzend Firmen, vom Plattenlabel bis zur Promotion-Agentur, residieren mittlerweile am Neuen Kamp. So paradox es klingen mag: viele davon verdanken ihre Existenz der Krise einer Tonträgerindustrie, die ihren früheren Hauptstandort Hamburg heute weitestgehend aufgegeben hat.

Ein Büro im zweiten Stock des Karostars, 17 Quadratmeter, ist das neue Imperium des Rüdiger Herzog. "Zum Reden", sagt der Labelchef lächelnd zwischen vollgestopften Ikea-Regalen, "gehen wir lieber woanders hin".

Noch im Sommer letzten Jahres arbeitete Herzog als Labelmanager Jazz für Warner Music, den letzten verbliebenen Musikkonzern an der Elbe. "Ich zähle mich in dieser Branche noch zu den von Musik Getriebenen", erzählt der 42-Jährige, "ich glaube, Musik einschätzen und meinem Geschmack vertrauen zu können. Die Musikindustrie besteht doch heute im Wesentlichen aus Gesellschaften zur Vermarktung von US-Repertoire." Das müsse einem zwar geschmacklich nicht unbedingt wehtun, "aber dort findet die Königsdisziplin nicht mehr statt: langfristig einen Künstler aufzubauen".

Sein vorerst einziger Künstler sitzt gleich mit am Mittagstisch. "Jeff hat mir den Ausstieg erleichtert", sagt Herzog. "Ich habe seiner Stimme schon vor Jahren Potenzial unterstellt, und als ich bei Warner kündigte, wusste ich, dass ich mit ihm langfristig würde arbeiten wollen." Jeff Cascaro nickt: "Ich bin mit meinen 38 Jahren ein erfahrener Musiker. Ich habe keine Lust mehr, mich den Vorstellungen anderer unterzuordnen. Also wollte ich eine Platte nur aufnehmen, wenn man mir dabei größtmögliche Freiheit garantiert." Bei Herzog Records schätzt er "die fast komplette Autarkie. Mit Rüdiger kann ich eins zu eins reden, ich muss nicht drei Wochen auf eine fünfminütige Audienz warten."

Ähnliche Gründe dürften viele der im Karostar untergekommenen Firmen ins Feld führen, wenngleich dort, wie Herzog meint, "absolut kein Konsens über Strategien und Konzepte besteht. Die HipHop-Leute etwa setzen ihre Schwerpunkte beim Lifestyle, während ich inzwischen mehr wie ein Geschäftsmann denke. Ich bin zwar auch Enthusiast, aber halt einer mit anderen Prioritäten in der Medien-Wahrnehmung." Wenn er etwas vom Major mit in die Selbständigkeit genommen habe, "dann meinen Glauben an den Wert persönlicher Kontakte zu den Medien." Von großen Marketing-Kampagnen hält er wenig: "Ich bevorzuge die sukzessive Arbeit mit der Frage im Hinterkopf: wo können wir in drei bis fünf Jahren stehen?"

Ähnliche Statements hatte es vor wenigen Jahren auch von den Eignern des Grand Hotel van Cleef gegeben, deren Label inzwischen ebenfalls im Karostar residiert. Mit Tomte und Kettcar ist der Firma das gelungen, wovon Herzog Records und andere Karostar-Label wie Hansaplatte, DevilDuck, Schmug oder Rudel noch träumen: kommerzieller Erfolg. "Ich freue mich riesig für die Kollegen", sagt Rüdiger Herzog, "so wie ich mich sogar immer noch über einen Erfolg eines Major Labels freue. Zumal so etwas immer auch ein Ansporn ist. Ich versuche, solchen Erfolgen auf den Grund zu gehen. Dafür ist der Karostar geradezu ideal. Hier triffst du die Leute, die sich etwas andere Gedanken über die Zukunft der Musik-Branche machen als die Vermarkter bei den Majors." Im Februar bringt Herzog Records nach Jeff Cascaros "Soul Of A Singer" das neue Album der Nighthawks heraus und verdoppelt damit sein Repertoire um 100 Prozent. Die Branche macht Dampf, zumindest in ihren unteren Etagen. Und endlich auch wieder in Hamburg.

DIE WELT
Artikel erschienen am 30.12.2006


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